Inflation sinkt, Bauzinsen steigen: Wie geht es nach Corona weiter?

Dr. Klein

Die Bauzinsen steigen leicht, doch wie geht es langfristig weiter? Unser Vorstand Michael Neumann geht davon aus, dass die Inflation auch nach Corona nicht nennenswert anziehen wird und uns die Niedrigzinsphase noch viele Jahre begleiten könnte.

 

Inflation, verzweifelt gesucht

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre geldpolitischen Tore seit vielen Jahren sperrangelweit geöffnet und flutet den Euroraum mit Liquidität. Der Grund für diese Politik ist folgender: Die Notenbank will die Konjunktur ankurbeln und die Preisstabilität sicherstellen. Als stabil gilt, wenn die Verbraucherpreise um annähernd 2 Prozent steigen. Aber warum brauchen wir diesen Preisanstieg überhaupt? Wenn die Waschmaschine oder das neue Auto nicht teurer werden oder die Preise sogar sinken – eine sogenannte Deflation – , dann klingt das für den Verbraucher ja eigentlich gar nicht so schlecht. Aber: Für die Wirtschaft wären stagnierende oder fallende Preise gefährlich. Wenn Unternehmen und Verbraucher erwarten, dass Waren und Dienstleistungen günstiger werden und nicht teurer, dann investieren sie nicht und schieben ihre Ausgaben lieber auf. Daraus kann sich eine deflationäre Spirale entwickeln, die die wirtschaftliche Entwicklung bremst.

Viele Aktiengesellschaften verwenden die günstigen Kredite, um eigene Aktien zu erwerben und binden somit Kapital. Das Geld bleibt zu einem großen Teil im Finanzkreislauf und kommt nur moderat in der Realwirtschaft an.“

Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender von Dr. Klein

Warum die Preise nun schon seit mehreren Jahren trotz niedriger Zinsen und steigender Löhne nicht nennenswert zulegen, hat verschiedene Ursachen. Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG, beobachtet, dass die geldpolitischen Maßnahmen der Notenbanken teilweise gar nicht in der Realwirtschaft ankommen: „Die niedrigen Kreditzinsen werden von den Unternehmen nur zum Teil für Investitionen genutzt. Viele Aktiengesellschaften verwenden die günstigen Kredite, um eigene Aktien zu erwerben und binden somit Kapital. Das Geld bleibt daher zu einem großen Teil im Finanzkreislauf und kommt nur moderat in der Realwirtschaft an.“

Eine weitere Erklärung für die anhaltend niedrige Inflation ist die zunehmende Globalisierung. Durch sie ist der Preiskampf international härter geworden und Unternehmen verzichten teilweise aus Angst vor einem Wettbewerbsnachteil auf Preiserhöhungen. „Durch die Corona-Krise könnte zwar die Produktion einiger systemrelevanter Güter wieder nach Europa verlagert werden und deren Preise damit steigen. Insgesamt erwarte ich durch die Pandemie aber keine Ent-Globalisierung und damit auch keinen großen Effekt auf die Inflation. Die wesentlichen Warenströme werden weiterhin international bleiben.“ Durch den Lockdown und den starken Konsumeinbruch könnte die Pandemie vorübergehend zu einer leichten Deflation führen. Spätestens wenn die Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen angekurbelt wird, dürfte die Inflation allerdings wieder anziehen. „Ich erwarte, dass die Inflation zum Jahresende wieder steigen und zumindest das Vorkrisenniveau erreichen wird. Eine galoppierende Inflation halte ich allerdings auch auf lange Sicht für sehr unwahrscheinlich.“

 

Zinswende auf lange Sicht unwahrscheinlich

Dass auch die Märkte von einem langfristig niedrigen Zinsniveau ausgehen, lässt sich unter anderem an den Konditionen für lange Zinsbindungen ablesen. „In der Vergangenheit war die Zinsdifferenz zwischen einer zehn- und zwanzigjährigen Zinsbindung deutlich höher als heute. Und obwohl die Zinsen durch die aktuelle Situation leicht steigen, ist der Spread zwischen den Zinsbindungen nicht größer geworden. Das zeigt, dass auch auf lange Sicht kein nennenswerter Zinsanstieg erwartet wird.“ Aktuell erhalten Kreditnehmer ein Baudarlehen mit zehnjähriger Zinsbindung ab 0,41 Prozent, bei 15 Jahren sind es 0,52 Prozent und bei 20 Jahren 0,82 Prozent. Erst bei einer Zinsbindung von 25 Jahren steigt der Sollzins über die 1-Prozent-Marke.

Die Chancen der Krise

Das Coronavirus hat die Weltwirtschaft Anfang des Jahres in einem sensiblen Moment getroffen und der damals ohnehin schon schwachen Konjunktur einen weiteren Dämpfer versetzt und zu einem beispiellosen Wirtschaftseinbruch geführt. Staaten, Unternehmen und Privatpersonen leiden massiv unter den Folgen des neuen Erregers. In Deutschland wird die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2020 voraussichtlich um einen zweistelligen Prozentsatz zurückgehen. Die Zahlen erschrecken zwar im ersten Moment, doch Pandemien und Krisen haben schon viele Generationen vor uns durchgemacht und ihre Lehren daraus gezogen. Der Schriftsteller Max Frisch erklärte im letzten Jahrhundert: “Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.”

Wir müssen uns fragen, wie wir in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren leben wollen und wie wir Deutschland innovativ und zukunftsorientiert gestalten können. Genau daran müssen die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen ausgerichtet sein.

Michael Neumann

Die Katastrophe hat unter anderem die Bundesregierung abgewendet, indem sie zu Beginn der Krise schnell reagiert und mit ihrem enormen Rettungsschirm viele Unternehmen unterstützt und Arbeitsplätze vorübergehend gesichert hat. Jetzt geht es darum, wieder produktiv zu werden und die Wirtschaft hochzufahren. Und genau darin liegt tatsächlich eine große Chance, die Wirtschaft nachhaltig zu transformieren: „Die Politik darf jetzt nicht überstürzt handeln. Wir müssen uns fragen, wie wir in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren leben wollen und wie wir Deutschland innovativ und zukunftsorientiert gestalten können. Genau daran müssen die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen ausgerichtet sein“, meint Michael Neumann. „Es macht wenig Sinn, eine Abwrackprämie 2.0 aufzusetzen, die auch für Verbrenner ausgezahlt wird. Wenn wir davon ausgehen, dass die Zukunft der Mobilität auf den öffentlichen Nahverkehr, Elektromobilität und andere alternative Antriebstechnologien setzt, dann sollte genau das auch gefördert werden. Für die Industrie ist das ein Anreiz, die ohnehin nötige Transformation schneller umzusetzen.”

 

Bauzinsen steigen – und bleiben trotzdem günstig

In den zuletzt gestiegenen Bauzinsen erkennt Michael Neumann keinen dauerhaften Trend: „Die leichte Aufwärtsbewegung ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass die Banken in der aktuell unsicheren Zeit Risiken neu bewerten und Zinsrückgänge nicht 1:1 an ihre Kunden weitergeben. Auf mittlere Sicht ist zwar ein moderater Anstieg möglich, doch der wird sich in einem überschaubaren Rahmen halten. Auch dann wird das Zinsniveau immer noch auf einem im historischen Vergleich absolut günstigen Niveau verbleiben.“

Das Problem an der anhaltenden Niedrigzinsphase: Sie dürften trotz Corona die ohnehin starke Nachfrage nach Immobilien weiter hoch halten und so zu weiter steigenden Immobilienpreisen führen. Die von manchen erwartete – oder erhoffte – Entspannung auf dem Immobilienmarkt wird zunehmend unwahrscheinlicher.

 


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