Millionen Deutschen drohen sinkende Zinsen für ihre Lebensversicherung

Handelsblatt

Die niedrigen Zinsen und der Aufbau eines Kapitalpuffers belasten die Versicherer. Bessere Zeiten für das beliebteste Anlageprodukt der Deutschen sind nicht in Sicht.

Der Marktführer Allianz hat schon Anfang Dezember ein deutliches Zeichen gesetzt: Da senkte der Münchener Dax-30-Konzern die Überschussbeteiligung auf klassische Lebensversicherungen. Im kommenden Jahr wird sie um 0,3 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent fallen.

Die Allianz hat damit einen Trend vorgegeben, der sich jetzt verstetigen dürfte. Seitdem geben mehr und mehr der kleinen und mittleren Anbieter bekannt, was sie ihren Kunden im kommenden Jahr bieten wollen. Das Zwischenfazit: Nachdem die Assekuranzen in den Vorjahren die Überschussbeteiligung weitgehend stabil gehalten haben, müssen sich jetzt Millionen von Lebensversicherten darauf einstellen, dass die Rendite ihrer Police schrumpft.

Dazu zählt unter anderem die genossenschaftliche R+V Versicherung. Die Wiesbadener senkten die Überschussbeteiligung ihrer Produkte „Privatrente“ und „Privatrente Performance“ um jeweils 0,3 Prozentpunkte auf 2,6 beziehungsweise 2,9 Prozent. Beim klassischen Produkt mit lebenslanger Zinsgarantie ging es gar um 0,6 Prozentpunkte nach unten auf 2,55 Prozent.

Für Lebensversicherungskunden sind die Mitteilungen oft nicht einfach zu verstehen. Die laufende Verzinsung – bei der R+V sind das bei klassischen Produkten nun 2,3 Prozent – setzt sich aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung zusammen. Während das Bundesfinanzministerium den Garantiezins einheitlich für die Branche festlegt, entscheiden die Versicherer selbst über die Überschussbeteiligung.

Der aktuelle Garantiezins für Neuverträge liegt seit 2017 nur noch bei 0,9 Prozent und könnte noch weiter sinken. In der Vergangenheit waren es noch bis zu vier Prozent. Allerdings wird der Garantiezins nur auf den Sparanteil gezahlt. Das ist der Betrag, der übrig bleibt, nachdem der Versicherer Kosten für Provisionen und Verwaltung abgezogen hat. Dazu kommen dann – wenn man seine Lebensversicherung nicht vor Ablauf kündigt – die laufende Verzinsung, Anteile an den Bewertungsreserven und Schlussgewinne. Daraus ergibt sich dann die Gesamtverzinsung.

Quelle: Assekurata

Bislang haben etwas mehr als die Hälfte der 70 Anbieter in Deutschland ihre Zinspläne für das kommende Jahr veröffentlicht. Spitzenreiter ist nach aktuellem Stand die kleine Berliner Ideal Versicherung. Sie hält die laufende Verzinsung mit 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr stabil. Die Gesamtverzinsung bleibt bei 4,0 Prozent. Der Berliner Lebensversicherer besitzt einen außergewöhnlich hohen Anteil an Immobilien, vor allem im boomenden Berliner Markt. Der Anteil im Portfolio liegt bei 24 Prozent.

Die breite Masse der Lebensversicherer leidet dagegen seit Mitte des Jahres unter dem deutlichen Zinsrückgang an den Anleihemärkten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sank beispielsweise in den negativen Bereich. Anleihen stellen bei vielen Versicherern noch immer einen Großteil des Portfolios.

Wenn nun Versicherer wie R+V ihre laufende Verzinsung senken, dann nähern sie sich damit lediglich dem durchschnittlichen Marktniveau an. „Im Schnitt dürfte die laufende Verzinsung für Neuverträge im kommenden Jahr bei klassischen privaten Rentenversicherungen bei rund 2,30 Prozent liegen“, prognostiziert Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata. In diesem Jahr waren es seinen Angaben zufolge noch 2,46 Prozent, 2018 waren es 2,61 Prozent. In den beiden Jahren davor ging es im Branchendurchschnitt um 0,3 Prozentpunkte nach unten.

Wer weiter unter dem Durchschnitt liegt, der versucht zumindest, dieses Niveau zu halten. Das zeigen die beiden klassischen Varianten des Düsseldorfer Versicherers Ergo. Sowohl die Ergo Leben als auch die Victoria Leben halten für das kommende Jahr an der laufenden Verzinsung von 2,05 Prozent fest. Dazu kommen dann jeweils 0,3 Prozentpunkte aus der Schlussgewinnen und den Anteilen an den Bewertungsreserven, womit die Gesamtverzinsung auf 2,35 Prozent anwächst.

Quelle: Policen Direkt

Wie viel Mühe aber nötig ist, damit selbst diese Zahl erreicht wird, verdeutlichen Aussagen von Michael Fauser, Vorstandschef der Ergo-Tochter Vorsorge Lebensversicherung. Demnach setzen die Anlagestrategen dort neben lang laufenden Investments mit hoher Bonität auch auf Fremdwährungsanleihen. So erhofft sich der Versicherer höhere Renditechancen. Gleichzeitig müssen bei diesen Papieren aber stets auch Schwankungen am Währungsmarkt beobachtet werden.

„Zudem baut Ergo das Engagement in nachhaltigen Infrastrukturfinanzierungen wie Windkraft, Fernwärme und Bahnnetze sowie in der Immobilienfinanzierung aus“, sagt Fauer. Daneben nutze sein Haus verstärkt die Renditechancen an den Aktienmärkten.

Zuzahlungen zur Zinssatzreserve steigen

Auch die Swiss Life hält an ihrer aktuellen Verzinsung fest: Schon das fünfte Jahr in Folge verharrt die laufende Verzinsung dort bei 2,25 Prozent, die Gesamtverzinsung liegt weiter bei 2,55 Prozent. Etwas weniger bietet die Hanse Merkur. Bei ihr liegt die laufende Verzinsung im kommenden Jahr unverändert bei 2,0 Prozent, die Gesamtverzinsung beträgt 2,1 Prozent.

Neben den dauerhaft niedrigen Zinsen haben die Lebensversicherer ein weiteres Problem: Die Zuzahlungen zur Zinssatzreserve steigen wieder. Für das laufende Jahr rechnet die Ratingagentur Assekurata nunmehr mit neun Milliarden Euro, die die Versicherer in den Topf zahlen müssen. Ursprünglich hatten sie nur sechs bis sieben Milliarden Euro erwartet.

Um die hohen Zusagen für Altverträge in der Zinsflaute abzusichern, müssen die Lebensversicherer seit 2011 einen Kapitalpuffer aufbauen, dessen Einzahlungsmodus im vergangenen Jahr für die Versicherer gemildert wurde. Der Zinsschwenk der Notenbanken zehrt diesen Effekt nun wieder auf. Statt der erwarteten Wende hin zu höheren Leitzinsen, von der die Branche vor einem Jahr noch ausging, verharren diese weiter auf einem Rekordtief.

 

Auf eine Rückkehr auf frühere Niveaus dürfen die Besitzer der rund 84 Millionen Lebensversicherungen in Deutschland somit nicht hoffen. Innerhalb der Branche erwartet das angesichts der anhaltenden Niedrigzinspolitik der Notenbanken ohnehin niemand. Auch mit steigenden Überschussbeteiligungen sollten die Kunden vorerst nicht rechnen, heißt es bei Assekurata.